Cosmin Ene über Micropayment mit LaterPay

Cosmin Ene ist Gründer & CEO von LaterPay. Mit ihm sprach ich auf dem Mobile Media Day 2015 in Würzburg über Micropayment im Journalismus und die Monetarisierung von Einzelinhalten z. B. für Blogs und ganze Medienhäuser. Im Interview erklärt er wie Facebook Instant Articles und Google AMP den User wieder in den Mittelpunkt stellen und wie man mit Micropayment zahlende Leser gewinnt.

Das ganze Interview zum Nachlesen: Lesezeit 8 Minuten.

Redaktioneller Hinweis: Das Transkript des Videointerviews wurde zur besseren Lesbarkeit redaktionell bearbeitet.

Cosmin, was ist LaterPay?

LaterPay ist ein Bezahlverfahren für digitale Inhalte im Internet und zeichnet sich dadurch aus, dass der User sich nicht vorab registrieren muss und auch nicht vorab bezahlen muss, sondern er das später tun kann, sobald er den Betrag von 5 Euro erreicht hat. Du kannst es somit vergleichen mit einem digitalen Bierdeckel, auf dem du bis 5 Euro anschreiben kannst und dich erst dann registrierst und dann erst bezahlst.

Du hast LaterPay letztes Jahr gemeinsam mit Richard Gutjahr auf der Transforming Media in Nürnberg vorgestellt. Was ist seitdem passiert?

Wir haben unter anderem DuMont als Kunden gewonnen — mit der Hamburger Morgenpost — und wir haben sehr, sehr viel getestet. Wir haben mittlerweile sehr gute Erfahrungswerte gesammelt von kleinen und mittelgroßen Kunden im Umgang mit LaterPay und haben das System soweit auch rund gemacht, dass wir es jetzt bei größeren Verlagen in Einsatz bringen können. Darüber hinaus haben wir LaterPay für Video vorbereitet und fertiggestellt. Das wird jetzt auch bald mit einem größeren Kunden live gehen und wir haben vor allem an der Internationalisierung gearbeitet. Also sehr viele Sachen, die wir unterhalb der Motorhaube gemacht haben und relativ wenig was sichtbar ist.

Ist das nun eher was für Blogger oder kleine Inhalteanbieter oder geht das auch mit großen Publishern?

Die Plattform war eigentlich von vornherein auf große Publisher ausgelegt, aber bevor man da hinkommt, muss man erst einmal testen, insbesondere wenn es sich um Innovationen handelt, um neue Technologien. Diese muss man erstmal testen, an ihnen feilen, und man muss sie soweit vorbereiten, dass sie dann tatsächlich skalieren können. Insofern war LaterPay nie ausschließlich für Blogger und Kleinanbieter gedacht, sondern das ist die Speerspitze, die letztlich auch mittelgroßen und großen Verlagen gezeigt hat, wie es funktioniert und wie es überhaupt ist. Jetzt geht es auch in die Umsetzung mit größeren Verlagshäusern, die das System dann entsprechend einsetzen.

Foto: Mobile Media Day 2015

Nun haben wir ja hier vor Ort auch das Konzept von Blendle gesehen, die gleich das iTunes für den Journalismus versprechen und sehr viele große Medienhäuser bereits schon als Partner gewinnen konnten. Wie sieht die Abgrenzung zu euch aus bzw. was könnt ihr gemeinsam in einem Markt lernen, der sich gerade erst neu findet und auch definiert?

Blendle ist eine App. Während du bei LaterPay aus der Website des Inhalteanbieters heraus verkaufst oder ein Verlag aus seiner Website heraus verkauft, gibst du bei Blendle die Inhalte an Blendle weiter und verkaufst aus Blendle — also aus einer App — heraus. Das eine ist also ein Silo, das andere eine Technologie für ein offenes Internet, also komplett getrennte Systeme.

“Du willst für Einzelinhalte bezahlen, also für das Glas Milch und nicht die ganze Kuh.”

Was uns eint, ist der wertvolle Gedanke und die wertvolle Erkenntnis, dass du Einzelinhalte als User kaufen willst. Du willst für Einzelinhalte bezahlen, also für das Glas Milch und nicht die ganze Kuh. Insofern empfinde ich Blendle auch als einen sehr wertvollen Marktbegleiter im Paid Content-Umfeld, weil sie eben auch die Einzel-Content-Nutzungsphilosophie vertreten. Wo wir uns auch noch unterscheiden, ist dass du dich bei Blendle vorab registrieren musst, während du das bei LaterPay später machst.

LaterPay ist also eher ein Später-Zahlen, Später-Registrieren und zeichnet sich dadurch aus, dass du erst den Nutzen haben willst und später den Stress der Registrierung.

Ich selbst als Kunde stehe nach einem Jahr noch immer erst gerade kurz vor der magischen 5-Euro-Schwelle. Wie verdient ihr damit Geld? Wie lange muss der Atem sein, um hier erfolgreich durchhalten zu können?

Ich hatte bereits vor zwei Jahren gesagt, dass der Atem von Technologie-StartUps grundsätzlich relativ lang sein muss, weil du ja erst einmal eine Innovation an den Markt bringst und dann muss diese Innovation im Markt auch greifen. Das heißt sie muss über verschiedene Tests mit Bloggern — wie ihr das seid — oder auch mit mittelgroßen und großen Verlagen in den Markt gehen, muss dort gefeilt werden und dann skaliert werden. Das braucht alles Zeit.

“Entscheidender ist vielmehr, dass man den Beweis erbringt, dass User bereit sind für Inhalte zu bezahlen. Diesen Beweis haben wir erbracht.”

Insbesondere weil das Verlagswesen nicht unbedingt zu den schnellsten Industrien auf dem Planeten gehört, brauchst du den langen Atem. Der muss also schon durchaus mehrere Jahre sein. Ob das drei oder fünf oder sieben Jahre sind, weiß ich nicht. Entscheidender ist vielmehr, dass man den Beweis erbringt, dass User bereit sind für Inhalte zu bezahlen. Diesen Beweis haben wir erbracht. Auf der anderen Seite sehen wir, dass Medienpartner solche Systeme auch aktiv nutzen und einsetzen wollen. Insofern muss man auch hier sagen, dass es dann der Markt letztendlich entscheiden wird. Aber er braucht seine Zeit.

Foto: Mobile Media Day 2015

Ihr habt weitere Monetarisierungs-Tools eingeführt. Welche sind das und welche funktionieren für eure Partner am besten? Wo siehst du weitere Marktchancen?

Wir haben neben dem klassischen Bierdeckelprinzip, bei dem du bis zu 5 Euro aggregieren kannst und bei 5 Euro abrechnest, auch zeitbasierte Modelle eingeführt. Die nennen sich Zeitpässe und sie erlauben dir eine Flatrate-Nutzung beispielsweise von einer Stunde, einem Tag, einer Woche oder einem Monat Zugriff auf deine Inhalte. Wir haben auch Freemium-Modelle eingeführt. Als neuestes Modell haben wir ein Monetarisierungsmodell für Ad Block-User eingeführt, bei dem du einen Ad Block-User erkennst und ihm die Möglichkeit bietest, für werbefreie Inhalte zu bezahlen. Das nennt sich AdVantage.

Zu der Einsatzmöglichkeit und zu dem jeweiligen Erfolg ist es schwierig zu pauschalisieren. Für jeden Content-Anbieter funktioniert das eine Modell besser als das andere. Es gibt einen Wirtschaftsjournalisten und Professor, für den eine Kombination aus Pay-per-use — also Bierdeckelprinzip — und Zeitpässen ganz gut funktioniert, weil seine User über Pay-per-use an das Bezahlen herangeführt werden, um sich danach für lange laufende Zeitpässe zu entscheiden. Es gibt aber auch Blogger, bei denen nur das eine oder andere Modell funktioniert. Und das gilt entsprechend auch für kleine oder mittelgroße Verlage.

Große Plattformanbieter treten sukzessive als Distributionspartner und native Ausspiel-Plattform für Inhalte auf: beispielsweise Facebook Instant Articles oder Medium.com. Wo geht aus deiner Sicht die Reise hin und wie kann man auch über solche Plattformen den Zwischenschritt des Micropayments für einzelne Inhalte einziehen? Anders gefragt, fürchtest du dich vor Facebook?

Das sind ja gleich drei Fragen. Zu der ersten Frage: Google mit AMP (Accelerated Mobile Pages) und auch Facebook mit Instant Articles versuchen meiner Meinung nach, den User wieder in den Mittelpunkt zu stellen und den Usern das alte Versprechen vom Internet zurückzugeben: Nämlich, dass du sehr schnell und ohne große Unterbrechung die Inhalte bekommst und sie auch schnell genießen kannst. Da geht es vor allem auch darum, den User wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist meiner Meinung nach sehr gut.

Für die Monetarisierung von Inhalten kann ich ja die Frage nur begrenzt beantworten. Ich glaube da stecken große Chancen dahinter, die Inhalte zu monetarisieren und dadurch auch neue Geschäftsmodelle aufzubauen. Ich bin skeptisch was Werbung angeht. Natürlich haben die genannten Anbieter eine gewisse Hoheit darüber, wie sie jetzt da mit Werbung umgehen. Ich bin aber grundsätzlich skeptisch, dass Werbung langfristig das Modell sein wird mit dem Inhalte monetarisiert werden können.

Für uns bedeuten diese Projekte eine große Chance und vielmehr kann ich gerade nicht darüber sagen. Aber ich fürchte mich definitiv nicht vor Facebook. Ich glaube das sind gute Entwicklungen, die da stattfinden. Ich glaube, die Verlage und die Content-Anbieter sind eher die richtigen, um die zuletzt gestellte Frage zu beantworten. Für uns ist es alles in allem gut und vielleicht kann ich dir nächstes Jahr, wenn wir uns hier nochmal sehen, vielleicht mehr erzählen.

Foto: Mobile Media Day 2015

Du bezeichnest Disruption als eine Geisteshaltung. Was sollten Gründer beherzigen, um erfolgreich zu sein?

Ich denke, dass Gründer sich insbesondere immer wieder mit der Frage auseinander setzen müssen, wie die Dinge sein könnten und sich nicht unbedingt damit zufrieden geben dürfen, wie die Dinge sind. Und wenn du dich damit beschäftigst, kommst du automatisch auch auf interessante oder neue Lösungsansätze. Also zum einen offen sein und alles hinterfragen, um letztendlich auch auf interessante Ideen zu kommen.

Das Zweite, was für mich sehr sehr wichtig ist, ist dass man sich die Freiheit bewahrt, für das einzustehen und für das zu kämpfen woran man glaubt. Also wenn man einen Traum oder eine Idee hat, von der man überzeugt ist, dass sie groß werden kann, sollte man sie erst einmal für sich selbst entwickeln und ausreichend Vertrauen oder Selbstvertrauen in der Sache entwickeln, bevor man mit anderen spricht. Wenn man das tut, dann ist man auch viel sattelfester wenn es darum geht, das Thema Disruption anzugehen. Disruption ist in meinen Augen nur das Ergebnis von nicht getätigter Business Development-Arbeit. Also im Grunde genommen: Wenn du gutes Business Development machst, wirst du nicht disrupted. Wenn du das unterlässt, dann kommen andere und nehmen dir die Butter vom Brot.

Zum Dritten denke ich, dass Gründer meinen Blog lesen sollten, in dem ich vor kurzem angefangen habe, zu eben diesem Thema zu schreiben. Ich komme relativ selten dazu. Das ist unter www.cosmo.me. Da schreibe ich ein bisschen was dazu, was Gründer beherzigen könnten oder sollten oder zumindest womit sie sich auseinander setzen sollten, wenn sie sich mit diesen Themen beschäftigen wollen.

Cosmin, vielen Dank für das Interview.