Michaël Jarjour über Blendle und das iTunes für den Journalismus

Michaël Jarjour ist Redaktionsleiter von Blendle in Deutschland. Mit ihm sprach ich auf dem Mobile Media Day 2015 in Würzburg über den Marktstart von Blendle in Deutschland.

Das ganze Interview zum Nachlesen: Lesezeit 5 Minuten.

Redaktioneller Hinweis: Das Transkript des Videointerviews wurde zur besseren Lesbarkeit redaktionell bearbeitet.

Blendle verspricht das iTunes für den Journalismus. Wie verläuft der Markstart in Deutschland? Wenn man die niederländischen Nutzer abzieht, reden wir von circa 250.00 Nutzern in Deutschland. Ist das richtig?

Ich weiß nicht woher du die Zahl hast, aber wir haben weltweit über 500.000 Nutzer und wir geben keine anderen Zahlen bekannt. Also nicht für jedes Land, weil wir Blendle sehr stark als eine internationale Marke sehen. Wenn du zum Beispiel in Deutschland lebst und Holländer bist, kannst du auf Blendle auf die ganzen holländischen Zeitungen zugreifen. Oder umgekehrt, wenn du Deutscher in Holland bist. Wir haben viele Leser aus Österreich und der Schweiz und deswegen sind 500.000 die Nutzerzahl, die wir bekanntgeben.

Foto: Mobile Media Day 2015

Seid ihr zufrieden mit dem Marktstart in Deutschland?

Sehr zufrieden. Wir sind jetzt seit drei Monaten hier, so richtig hier und für alle geöffnet. Das Wachstum ist viermal schneller als in Holland und es ist mehr als wir erwartet hätten. Es läuft sehr sehr gut. Das sehen wir an den Zahlen. Aber es läuft auch sehr gut von den Feedbacks, die wir von unseren Nutzern bekommen. Es ist jetzt wahr. Es ist jetzt richtig. Und das ist toll.

Bei Blendle bezahlt man einen Mikrobeitrag pro Artikel. Welche Preisstruktur ist denn am erfolgreichsten? Was habt ihr gemessen?

Es ist so, dass wir gemeinsam mit den Verlagen für verschiedene Publikationen Preise festlegen. Da gibt es schon Unterschiede. Grundsätzlich kann man sagen: Wenn man einem Nutzer klar machen kann, warum er einen Preis bezahlt, kann der Preis was auch immer sein.

“Wenn man einen höheren Preis verlangt, ist es wichtig, dass man dafür auch einen guten Grund hat.”

Ich gebe dir ein Beispiel: Es gab einen schrecklichen Selbstmord von einem sehr beliebten Autor in Holland. Ein sehr kleines Magazin hatte das letzte Interview mit ihm. Das war ein Zufall, denn sie hatten ein großartiges 12-Seiten-Interview mit ihm. Sie wollten das natürlich so schnell wie möglich herausbringen, weil die Trauer sehr groß war und auch das Bedürfnis nach guten Inhalten über den Autor groß war. Sie haben das auf Blendle gemacht und haben dafür 1 € verlangt, also einen eher hohen Preis. Nun muss man sich vorstellen, das ist ein wirklich kleines Magazin. Sie haben eine Auflage zwischen 15.000 und 17.000. Sie haben den Artikel innerhalb einer Woche 25.000 mal verkauft, mit nur einer Geschichte. Sowas ist nur auf Blendle möglich. Wenn man einen höheren Preis verlangt, ist es wichtig, dass man dafür auch einen guten Grund hat.

Foto: Mobile Media Day 2015

Bei diesem Distributionsmodell wird deutlich dass sich nur guter Journalismus einzeln verkaufen lässt. Zum Beispiel dpa-generierte News, die die Medienhäuser gerne verwenden, und die es zuhauf auf den großen Portalen gibt, sind demnach weniger erfolgreich. Was heißt denn das für die Zukunft des Journalismus?

Es ist wahrscheinlich eine große Aufgabe, zu erklären was guter Journalismus ist und was wirklich einzigartig ist. Man muss immer wieder sagen, was man dafür gemacht hat, erklären wie man gearbeitet hat. Dann leuchtet es jedem ein, dass das auch etwas kosten muss. Ich gebe ein Beispiel von den schrecklichen Anschlägen in Paris vor zwei Wochen. Zu dem Zeitpunkt gab es eine Unmenge an Nachrichten und viele davon waren kostenlos. Aber einer unserer erfolgreichsten Artikel war ein Monumentalstück des SPIEGEL. Die haben über zwanzig Journalisten in Paris und in Deutschland darauf angesetzt. Sie haben beschrieben, was passiert ist, sie haben analysiert was passieren könnte, welche Folgen es haben könnte. Sie haben den SPIEGEL auch zwei Tage früher herausgebracht und das ist wunderbar gelaufen. Also selbst in einem Meer von kostenlosen News, entdecken Nutzer die Qualität und sind bereit dafür zu bezahlen.

“Blendle ist ein sehr niederschwelliger Einstieg in den richtig guten Journalismus.”

Wie zufrieden sind die Publisher mit Blendle?

Ich glaube die Publisher haben sehr große Hoffnungen in Blendle, weil sie sehen dass wir nicht ihr eigenes Geschäft kannibalisieren. Es ist quasi kostenloses Geld welches sie mit Nutzern verdienen können, die sie vorher nicht erreicht haben und von denen sie sehen, dass sie Mühe haben sie für ihre bisherigen Angebote zu erreichen: Abonnements und Einzelausgaben am Kiosk. Blendle mit seinem Einzelartikel-Verkaufssystem ist ein sehr niederschwelliger Einstieg in den richtig guten Journalismus.

Foto: Mobile Media Day 2015

Welche Zielgruppe nutzt Blendle am meisten in Deutschland?

Fast exakt wie in Holland: Etwa zwei Drittel sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Es sind sehr junge Nutzer und es sind viele Nutzer die wahrscheinlich noch nie ein Zeitungsabo genutzt haben und durch Blendle jetzt diesen großartigen Journalismus entdecken können.

Bringt das junge Nutzer dazu, für guten Journalismus Geld auszugeben?

Auf jeden Fall. Wir zeigen das jeden Tag, wenn Junge Menschen auf Blendle tolle Sachen finden, die sie sonst nirgends finden. Und davon gibt es eine Menge. Zum Beispiel der ganze SPIEGEL, von dem es Einzelstücke ohne Abo nur auf Blendle gibt. Das Dossier der ZEIT ist auch ein solches Beispiel oder die Seite 3 der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Das sind unglaublich tolle Stücke und diese kann man nur auf Blendle kaufen, wenn man kein Abonnement hat.

Michaël Jarjour von Blendle Deutschland, herzlichen Dank für das Interview.


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Michaël Jarjour agiert nach verschiedenen Stationen als freier Journalist beim Schweizer Rundfunk, dem ZDF und der Tageswoche als Senior Editor bei der neu gegründeten News Plattform Blendle. Für das holländische StartUp baut er den deutschen Markt auf.


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