Philipp Steuer über die nächste Social Media Revolution

Philipp Steuer ist Speaker zu den Themen Social Media, YouTube und Digitale Trends. Er hat u. a. für Google Deutschland gearbeitet und sein erstes Buch mit dem Titel “Plus Eins: Das Google+ Buch für Jedermann” veröffentlicht. Mit ihm sprach ich auf dem Mobile Media Day 2015 in Würzburg über das Scheitern von Google+, wie man YouTuber wird, Snapchat als “Aufmerksamkeitsmonster” im Vergleich zu Facebook und die Rolle von Livestreaming und Bewegtbild im Journalismus der Zukunft.

Das ganze Interview zum Nachlesen: Lesezeit 8 Minuten.

Redaktioneller Hinweis: Das Transkript des Videointerviews wurde zur besseren Lesbarkeit redaktionell bearbeitet.

Philipp, ich habe dich 2011 als Google+Maniac kennengelernt und war auch von Anbeginn von Google+ begeistert. Warum ist denn unsere Begeisterung erloschen?

Weil Google es nicht geschafft hat, wirklich etwas zu entwickeln was Menschen begeistert und die Menschen eben dabei behält, auch mehr Menschen zu erreichen. Denn so ein soziales Netzwerk macht sich natürlich dann auch irgendwann dadurch bemerkbar, dass dort eine gewisse Grundmasse vorhanden ist. Die war bei Google+ da, aber man hat es irgendwie nicht geschafft, das Ganze in einen schönen sozialen Kontext zu bringen und in alle Produkte zu integrieren. Ich glaube man hat sich da viel, vielmehr vorgenommen. Dadurch dass ich auch bei Google gearbeitet habe, weiß ich wie es hinter den Kulissen aussah und wenn man sich dort privat bei Facebook verabredet, dann sieht man schon wo die Probleme liegen.

Viele träumten in den letzten Jahren davon, für Google zu arbeiten. Du hast es probiert. Welche Lehren hast du gezogen?

Dass Google ein großartiger Arbeitgeber ist. Definitiv. Die bieten dir alles was du haben möchtest. Ich habe selten so gut gegessen. Ich habe selten so tolle Sporterlebnisse gehabt. Aber ich nehme daraus auch mit, dass selbst der beste Arbeitgeber der Welt nicht für jeden der beste Arbeitgeber ist, sondern man eben auch da Abstriche machen kann, machen muss, und man selbst schauen muss, ob man damit glücklich ist oder nicht.

Foto: Mobile Media Day 2015

Was heißt es für dich YouTuber zu sein? Was sind deine Themen, welche Zielgruppe bedienst du und wie sieht dein Geschäftsmodell abseits der Multi Channel Networks aus?

Was es für mich bedeutet YouTuber zu sein? Das ist eine sehr gute Frage, denn YouTube ist ja für mich eher so ein Spielfeld. Ich bin zum Glück nicht hauptberuflich darauf angewiesen. Meine Themen sind, klar, News. Ich kommentiere das Weltgeschehen, gehe gerne mal auch in den kuriosen Bereich zu Themen, die man nicht unbedingt so in den Tagesnachrichten hört. Meine Zielgruppe sind 70 Prozent männlich, 30 Prozent weiblich, und ungefähr 15, 16 Jahre alt. Das mache ich und das macht mir sehr, sehr viel Spaß. Wie gesagt, Geld bringt es relativ wenig. Davon könnte ich nicht leben.

Das führt gleich zur nächsten Frage: Wie wird man ein Video-Star?

So, wie man ein Fußball-Star wird. Denn alle probieren es, viele wollen es, aber die wenigsten werden letztendlich Profi. Das hat mit vielen Faktoren zu tun. Zum einen selbst der Qualität der Inhalte. Man muss als Person überzeugen. Man muss viel Geduld haben. Es dauert ewig bis man überhaupt mal so ein paar Leute ankratzt und sich in deren Kopf einbrennt. Und dann ist da natürlich auch noch ein bisschen Glück entscheidend, denn die YouTube-Algorithmen funktionieren komplett mechanisch. Keiner weiß so genau, wie sie richtig funktionieren. Man kann Glück haben, dass man mit einem Thema so genau den Algorithmus trifft und dann von YouTube selbst wieder gepusht wird. Dann hat man wieder ein paar mehr Abonnenten. Das ist ein Gesamtspiel aus verschiedenen Faktoren, die da zusammenkommen und vor allem eben auch viel Glück.

Deine neuestes Baby ist Snapchat. Was macht Snapchat gerade für Medienunternehmen interessant?

Snapchat ist ein Aufmerksamkeitsmonster. Wenn wir alle mal unser Nutzerverhalten ansehen, wenn wir jetzt bei Twitter, Facebook, wo auch immer sind: Wir scrollen die ganze Zeit und dann ab und zu ploppt vielleicht mal Etwas auf das wir interessant finden. Wir bleiben dabei stehen, wir gucken uns das an. Bei Snapchat hingegen ist es so, dass ich dort selbst auf die Geschichte drauf drücken muss. Ich muss es selbst persönlich triggern, um mir die Inhalte anzusehen. Das heißt, meine Aufmerksamkeit ist viel, viel größer und höher, weil ich eben bewusst diesen Inhalt ansehe und konsumiere. Deshalb macht es das auch wieder für Marken so interessant, weil man plötzlich eine ganz andere Sichtbarkeit hat, die einem kein anderes Netzwerk aktuell bieten kann.

Foto: Mobile Media Day 2015

Wie siehst du Snapchats Chancen im Vergleich zu Facebook, das mit Instant Articles, Facebook Notes, Videos überall und neuen Ad-Formaten geradezu jede Form von besserem, erfolgreicherem Publishing aufzusaugen scheint?

Facebook und Snapchat, das sind beide zwei Mächte die da aktuell, vor allem auch in Amerika, agieren. Snapchat ist natürlich der neue Player auf dem Markt, ein bisschen jünger als Facebook. Damals hat man das Übernahmeangebot von Facebook ganz großspurig abgelehnt und hat gesagt: Die 4 Milliarden könnt ihr gerne behalten. Snapchat ist natürlich für die jüngere Generation aktuell sehr, sehr interessant. Die ganzen Schüler nutzen sie nach wie vor aktiv. In Amerika selbst ist die Altersgruppe auch schon etwas älter geworden. Das heißt, man konsumiert dort eher Lifestyle- und Unterhaltungs-News in einem abgeschirmten System.

Demgegenüber steht natürlich Facebook, was natürlich irgendwie komplett offen ist und wo viele große Player schon drin sind. Da ist auch die Oma, die Mutter, die Tante. Das heißt, Facebook hat natürlich schon ein riesiges Geschäftsfeld erschlossen und probiert natürlich weiter, die Leute auch auf der Plattform zu halten. Aber für all die neueren Generationen ist Facebook relativ uninteressant, weil es ein bisschen so wie der große Marktplatz ist.

Snapchat hat den riesigen Vorteil, dass es noch so eine Art Nische bedient und eben sehr viel mehr noch in Richtung Aufmerksamkeit jüngerer Zielgruppen geht und auch für die Mobile-Generation geschaffen wurde. Somit können beide problemlos nebeneinander existieren. Ich glaube sogar, dass Snapchat Facebook insoweit auch ein Stück weit ärgern kann, was Spendings hinsichtlich Werbung und Marketingbudgets angeht. Aber natürlich ist Facebook nach wie vor noch die Nummer Eins und wird so schnell auch nicht vom Markt verdrängt werden können.

Foto: Mobile Media Day 2015

Du sprichst hier auch über Periscope und Meerkat. Was können diese Apps und warum sind sie aus deiner Sicht so interessant?

Periscope und Meerkat sind deshalb so interessant, weil sie natürlich diesen Jetzt-Moment zelebrieren. Das “Jetzt findet es statt”. Was jetzt gerade passiert, kann ich über diese beiden Apps ganz simpel zeigen. Auch Beme von Casey Neistat verfolgt das gleiche Prinzip. Man hält sich das Telefon sozusagen vor das Herz. Das Telefon erkennt das und plötzlich sieht man die Sichtweise des anderen. Allgemein ist diese Authentizität, die dort vorherrscht und zustande kommt, letztendlich das was die beiden Apps so spannend macht, weil man eben live dabei ist.

Keine Inszenierungen mehr. Man kann nicht viel faken. Man kann nur das zeigen was man hat und wird sozusagen mit der Wahrheit konfrontiert. Menschen lieben so etwas, weil man einfach sieht: Ok, bei dem ist auch nicht alles schön. Der sieht vielleicht auch nicht so perfekt aus wie auf Instagram. Deshalb sind diese Apps so spannend.

Vor allem aber natürlich auch für die Live-Berichterstattung. Beispielsweise hat eine große deutsche Tageszeitung einen Live-Reporter mit Flüchtlingen mitgeschickt. Der saß plötzlich in einem Flüchtlingsboot bei einer Überfahrt und hat einen Livestream gemacht. Man konnte ihn selbst dabei beobachten, wie sie Angst hatten, plötzlich von den Schleppern dort vertrieben zu werden. Das war eine ganz verrückte, krasse Situation, die kein anderes Netzwerk hätte möglich machen können. Aber dadurch dass der Livestream so im Vordergrund stand, hat das sehr, sehr gut funktioniert. Ich glaube auch, da liegen auch eher die Vorteile dieser Apps. Ich selbst habe dazu ein Artikel geschrieben: Mein Leben ist zu langweilig für Livestreams, weil ich einfach einen halben Tag im Büro sitze. Aber ich glaube, wenn man das gezielt einsetzt, dann hat das große Vorteile und man kann sich selbst dann auch noch ein bisschen authentischer zeigen.

Wie sieht für dich Journalismus in Zukunft aus und welche Rolle spielt dabei Bewegtbild?

Bewegtbild ist für den Journalismus der Zukunft etwas, was gar keiner mehr vernachlässigen darf. Ich bin selbst Dozent an meiner Uni wo ich selbst studiert habe und darf dort gerade den Leuten den Storytelling- und Webvideo-Bereich beibringen. Und ich sage dort auch ganz ehrlich: Ihr habt jetzt alle ein Smartphone. Eure Smartphones sind gut genug, dass sie so gute Bilder und Ton liefern, dass ihr eigentlich jederzeit auf der Welt in der Lage sein müsst, berichten zu können. Letztendlich ist es so, dass man uns die Videokamera jetzt mit in die Hosentasche gegeben hat.

In der Schweiz haben schon erste News-Redaktionen damit angefangen, die Kameras komplett zu entfernen und den Leuten einfach nur noch ein Selfie-Stick und ein iPhone in die Hand zu drücken und zu sagen: Hey, das reicht vollkommen mit einem Mikrofon dran. Und die Qualität ist auch sehr, sehr gut. Man muss nicht mehr das große Setting fahren.

Das wiederum macht es natürlich auch spannend für Journalisten, die nicht nur noch auf Print oder auf das Schreiben angewiesen sind. Sie können plötzlich auch ganz entspannt und auch schnell und einfach Videos produzieren. Wie wir alle wissen: Bewegtbild sagt tausendmal mehr als ein langer Text. Die Leute selbst wollen weniger lesen, so schade ich das finde. Sie lassen sich eher von einem Video berieseln. Da wiederum können die Journalisten dann sozusagen hintenherum gehen und doch noch ihre Informationen rein bringen, wenn sie Videos erstellen.

Philipp, herzlichen Dank für die Einsichten und das Interview.