Das neue Mainfranken Theater

Ein Interview mit dem Kaufmännischen Geschäftsführer Dirk Terwey

Der Interviewr im Gespräch mit Dirk Terwey über das neue Mainfranken Theater Würzburg, 05.10.2015

Christian Knies: Der Interviewr heute zu Gast im Mainfranken Theater. Ich spreche mit Dirk Terwey, dem kaufmännischen Geschäftsführer des Hauses über die anstehende Theatersanierung.

Am 30. Juli hat sich der Würzburger Stadtrat fast einstimmig für die Generalsanierung und Erweiterung des MainfrankenTheaters ausgesprochen. Mit welchem Gefühl sehen Sie diese Entscheidung?

Dirk Terwey: Das war eine ganz wichtige Entscheidung für das Theater. Wir haben darauf lange gewartet. Das ist viele Jahre diskutiert worden und wir sind sehr froh, dass wir mit diesem wichtigen Entschluss durch den Stadtrat in die Sommerpause gegangen sind und nun die Richtung vorgegeben ist, auf der wir jetzt weiter arbeiten werden.

Als Entscheidungshilfe für den Stadtrat hat der Architekt Prof. Jörg Friedrich ein sich ergänzendes System aus verschiedenen Ausbaustufen entwickelt. Welche Idee verbirgt sich hinter diesem vorgeschlagenen Konzept?

Wir haben das gemeinsam auf den Weg gebracht. Wir haben dieses komplexe Thema Theatersanierung in ein Baukastensystem aufgeteilt. Die komplexen Entscheidungswege sind nun in Module gegliedert, sodass sehr schnell — auf einem Blatt — nachvollziehbar ist, um welche wesentlichen Fragen es bei der Theatersanierung geht.

Baukastensystem

Reden wir über die einzelnen Module. Die meisten bauen aufeinander auf. Was sind die Grundüberlegungen zu den einzelnen Modulen und wieviele Ihrer Vorstellungen sind in die Planung miteingeflossen?

Ich glaube das allerwichtigste ist einmal — wir stehen hier im Foyer des Theaters — der Gedanke der neuen Spielstätte, die direkt hier nebenan gebaut werden wird: Nach vorne hinaus eine Schauspielbühne mit 330 Plätzen als Schwerpunkt, offen und einladend in die Stadt hinaus. Dann der Grundgedanke, die Theatersanierung in einem Konzept “Alles unter einem Dach” umzusetzen: Spielstätten, Proberäume, Werkstätten. Der modulare Aufbau ermöglicht es uns, diese beiden Bereiche auch professionell miteinander zu verbinden. Das haben wir gemeinsam mit Herrn Professor Friedrich entwickeln können: Von der Planungsidee des kleinen Hauses und der Verbindung in das große Haus hinein, bis nach vielen Wochen der Diskussion auch die Möglichkeit entstand, dass wir die [angemieteten Räume in der] Oeggstraße, die wir heute auch nutzen, gegebenenfalls so umorganisieren, dass wir alles hier im Haupthaus unterbringen können.

Der neue Erweiterungsbau mit seinen 330 Plätzen öffnet sich zur Stadt. Ist das eine neue Verankerung des Theaters im Gemeinwesen?

Ich glaube schon. Das ist ein ganz neuer kultureller Raum im Mittelpunkt der Stadt, in einladenster Art und Weise, sehr transparent, sehr lichtdurchflutet. Wir wollen ein lebendiges Foyer gestalten. Es gibt den Gedanken einer ständigen Theatergastronomie, die mit in das Haus einlädt. Wir werden unten einen Servicebereich haben und natürlich auch einen Platz für den gesamten Bereich Ticketing. Wir werden diese neue Spielstätte haben, die sowohl transparent sein wird aber auch abzudunkeln ist. Es gibt auch Überlegungen, einen Ballettprobenraum mit in das Foyer zu integrieren. Das wäre einmalig. Der Raum wäre von außen einsehbar. Wir können damit auch nach außen zeigen dass das Theater arbeitet und dass das Ballett als eine der fleißigsten Sparten im Training, tagsüber auch für die Würzburger von außen wahrnehmbar ist. Da ist ständig Leben im Haus. Da ist Licht. Da sind wir eingeladen hineinzukommen und uns zu beteiligen.

Was bedeutet es für das Orchester wenn es zukünftig im eigenen Probensaal unter dem Dach des Haupthauses proben kann?

Das ist ein ganz entscheidendes Modul. Wir haben viele Module die das neue Haus an das Haupthaus anbinden: Eine Unterführung, um das Bühnenbild nach vorne bringen zu können, Seitenräume für das Personal, gemeinsame Aufenthaltsräume, Verlängerungen des Theaters auch nach hinten, um Werkstattbereiche aufzubauen. Der Orchesterprobenraum ist heute oben [in einem angemieteten Gebäude gegenüber des Theaters] in der Oeggstraße. Das ist im Ergebnis in den nächsten Jahren für das Orchester nicht mehr zumutbar dort zu arbeiten. Denken wir im Sommer an die Hitze, keine Luft und sehr beengte räumliche Verhältnisse. So kam die Überlegung, ob wir es schaffen das so umzuorganisieren, dass wir diesen Raum hinten im Backstage-Bereich auf das heutige Gebäude aufsetzen. Das lässt sich planerisch mit überschaubaren Mitteln hinbekommen. Natürlich ist das ein großer Block. Aber hätten wir das in der Oeggstraße investiert, wäre es auch nicht viel günstiger gewesen. Deswegen war es ein ganz wichtiger Punkt weiter zu denken und die Aufgabenbereiche, die in der Oeggstraße untergebracht sind, in das Haupthaus zu integrieren.

Die Planungsvision der „Spielstätten unter einem Dach“ würde aus dem Mainfranken Theater eine Art „Kulturfabrik“ im Herzen der Stadt machen. Was bedeutet eine solche Umgestaltung für den kaufmännischen Leiter — mehr Effektivität, mehr Effizienz oder beides?

Kulturfabrik als Begriff sollte niemanden erschrecken. Es geht letztendlich auch in einem Theaterbetrieb um Kosten, um Personalkosten. Es geht um effiziente wirtschaftliche Arbeitsabläufe. Der Gedanke Theater unter einem Dach zu produzieren, grenzt ab gegenüber dem Gedanken einer externen Spielstätte. Sie erinnern sich an das Actori-Gutachten, das damals im Rahmen der Frankenhalle erarbeitet wurde. 500.000 € wurden damals allein für den Umstand kalkuliert, wieviel mehr man an Personal einsetzen muss, wenn man in einer externen Spielstätte spielt. Wir haben nun die Chance, wenn alles unter einem Dach ist, genau dieses zu vermeiden. Wir können beide Häuser mit einer vergleichbaren Personaldecke bespielen. Wir könnten diese neue Schauspielbühne aus den hier vorhandenen Werkstätten beliefern. Wir brauchen keine Doppelfunktionen und wir haben ein visionäres Bild, wie wir dieses Haus mit dem heutigen Personalstand wirtschaftlich betreiben können.

Kommen wir zum Umbau. Welche Schritte sind für Sanierung und Umbau angedacht — Wie soll der Zeitrahmen aussehen?

Ein ganz wichtiger Punkt ist einerseits die neue Spielstätte und die neuen Chancen dort zu spielen, andererseits aber auch der Gedanke, dass diese Spielstätte in der Sanierungsphase für die Kernaufgaben des Übergangsspielbetriebs genutzt werden kann. Große Opern werden wir vorne bei 330 Plätzen nicht machen können. Aber wir können alles was das Schauspiel an Produktionen im Hause hat, vorne spielen. Wir können dort das Ballett sehen und wir können dort auch teilweise kleinere Barockopern spielen. Also bleibt im Grundsatz der Kern des Spielbetriebes vor Ort. Wir werden damit nicht alle Zuschauer in der Stadt verlieren. Diese Kernaufgabe ist mit dem Plan der neuen Spielstätte bearbeitet. Was wir dann an Konzerten, großen Produktionen und Opernproduktionen machen, das können wir dann auch in die Stadt hinausschicken, so wie heute schon das Orchester in der Hochschule spielt. Vielleicht gehen wir dann auch wirklich mal mit einem Open Air-Konzert und mit den großen Formaten raus in die Stadt. Der Kern bleibt vor Ort und spannende Themen können auch noch in der Stadt verwirklicht werden. Aber ohne eine feste externe Spielstätte.

Nochmal zum Zeitplan. Über welche Daten reden wir konkret jetzt aus Sicht Herbst 2015?

Wenn die Planung, wie sie jetzt angedacht ist, sich so umsetzen lässt, können wir im Sommer/Herbst 2017 mit einem ersten Schritt starten. Dieser erste Schritt ist das Errichten der neuen Spielstätte im Kopfbereich des jetzigen Hauses. Das wird ungefähr ein Jahr dauern. Danach können wir in einem nächsten Schritt den Kern des Übergangsspielbetriebes [während das Haupthaus saniert wird] in dieser Spielstätte organisieren. Das wird dann noch mal so zwei bis zweieinhalb Jahre dauern. Wir rechnen insgesamt mit dreieinhalb Jahren in der Umsetzung, sodass wir doch schon relativ schnell im Jahre 2017 die ersten Steine bewegen könnten.

In der Machbarkeitsstudie haben Sie viele Vergleichszahlen hinzugezogen. Auf die Erfahrung welcher Häuser konnten Sie sich dabei stützen?

Wir haben einen Vergleich erarbeitet. Insbesondere habe ich das Haus in Würzburg mit Bielefeld verglichen, einem Theater in dem ich einige Jahre beschäftigt war. Wir haben überlegt, welche Potenziale sich durch die neue Spielstätte mit 330 Plätzen bieten. Das wichtigste ist, dass wir viele der Schauspielproduktionen, die wir heute auf der großen Bühne haben, dann vorne [in der neuen Spielstätte] werden spielen können. Wir gewinnen Freiräume. Auf der großen Bühne können wir zusätzlich Musical- und Operettenproduktionen machen. Wir können Konzerte ins Haus zurückholen, damit das Symphonieorchester wieder hier vor Ort ist. Wir bekommen Möglichkeiten zur Vermietung. Wir haben viele Potenziale erarbeitet, die es realistisch erscheinen lassen, dass wir in der Zukunft wesentlich mehr und höhere Umsätze erzielen werden. Ich will mich da jetzt nicht auf einzelne Zahlen festlegen. Aber dieses Potenzial kann am Ende auch in der Zukunft eine Investition in eine Spielstätte rechtfertigen.

Kommen wir nocheinmal zur Vision. Wie wird der Besucher das Mainfranken Theater erleben, wenn er nach der Fertigstellung das Haus betritt?

Ich mag das Theater, wenn ich ehrlich bin, auch heute schon. Wenn ich davor stehe und das Foyer abends hell erleuchtet ist, ist das jetzt auch schon ein schöner Anblick. Aber denken Sie unten an den Eingangsbereich, diese großen Eisentüren: Das ist eigentlich aus der Welt. Das ist fast Absperren nach außen hin.

MFT_Foyer
Visualisierung des neuen Foyers im Mainfranken Theater; Quelle: MFT, pfp architekten

Das Theater wird einladend gestaltet sein. Es wird vorne gläsern und offen sein. Die Gastronomie und den Ticketbereich habe ich schon erwähnt. Wenn man hineingeht, kommt man in ein offenes Foyer. Wir werden einen attraktiven Raum haben, in dem die Würzburger vielleicht dann auch schon tagsüber die Lust haben, nachzustöbern was denn hier im Theater los ist. Wir werden Vortragsreihen haben und wir haben mittags vielleicht auch mal ein Konzert hier im Haus. Wir haben abends die Chance, neben der großen Bühne, neben dem Musiktheater, auch Schauspiel zu haben. Wir werden ganz viele attraktive Bespielungen haben. Wir werden hier einen kulturellen, neuen Raum, mitten im Zentrum der Stadt bespielen. Das ist hochattraktiv und nach außen hin leuchtet das Theater in diese Stadt hinein und lädt die Bürger in ihr Haus.

Visualisierung des neuen Mainfranken Theater; Quelle: MFT, pfp architekten

Der Stadtrat steht kurz vor den Haushaltsberatungen, der Architekt soll seine Planungen konkretisieren. Was sind die nächsten politischen Schritte und Termine?

Wir haben vor der Sommerpause die Machbarkeitsstudien vorgelegt. Nun gilt es in die nächsten Planungsstufen einzusteigen. Es kommt jetzt die Vorentwurfsplanung, dann die Entwurfsplanung. Es kommen die nächsten Schritte bis dann wirklich die Steine bewegt werden. Mit den Planern wurde abgestimmt, nun die Beauftragung vorzubereiten. Wir hoffen, dass der Stadtrat in den kommenden Wochen den Beschluss fasst, jetzt die konkrete Beauftragung der nächsten Planungsstufen weiter voranzutreiben. Wir werden jetzt von Etappe zu Etappe dieses Projekt weiterverfolgen. Wir werden aber auch immer wieder zwischendurch diskutieren: Sind wir im Plan? Sind wir — wenn ich an das Baukastensystem erinnern darf — in den Modulen dort, wo die Kostenstruktur definiert ist? Weichen wir ab? Können wir korrigieren? Wir haben damit jetzt auch eine Linie gezogen, an der wir uns entlang arbeiten können, bis wir auch wirklich in die Umsetzung des Projektes gehen und die Steine bewegen.

Es wurden wichtige Personalentscheidungen für das Mainfranken Theater getroffen — der Vertrag von Generalmusikdirektor Enrico Calesso wurde verlängert und mit Markus Trabusch ein neuer Intendant gefunden. Was bedeutet das für Sie und das Haus?

Der Stadtrat hat beide Personalentscheidungen vor dem Sommer getroffen. Enrico Calesso ist eine große Freude. Er ist in Würzburg und allen Würzburgern jetzt über Jahre bekannt und leistet eine großartige Arbeit gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester. Wir freuen uns einfach wahnsinnig, dass er fünf weitere Jahre hier vor Ort ist. Wir freuen uns über jedes Konzert und er hat sich, zusammen mit seinen Musikern, einen hervorragenden Ruf hier vor Ort erarbeitet.

Markus Trabusch, als neuer Intendant ab der Spielzeit 2016/17, bringt nicht nur eine ausgewiesene Schauspielexpertise mit. Er war viele Jahre Schauspieldirektor in Augsburg. Er hat auch sehr viele Regieaufgaben im Musiktheater übernommen, ist also eine große Klammer für alle künstlerischen Aufgaben. Da kann und will ich aus dem Inhalt dessen was er vorhat, gar nichts sagen. Er wird seine Vision erarbeiten und ist im Hintergrund ja bereits dabei, seine Spielzeit vorzubereiten. Ich freue mich einfach auf diese neue Vision, auf diese neue Kraft. Das ist das Schöne im Theater. Theater erfindet sich in dieser Weise neu. Es ist ein Aufbruch, eine neue Intendanz die da kommt. Wir haben in den letzten Jahren sehr erfolgreich gearbeitet. Wir haben uns ein gutes Standing in der Stadt erabeitet und können jetzt hierauf aufbauen.

Die Zahlen spiegeln die Begeisterung der Zuschauer für unser Angebot, sind aber kein Selbstzweck. Sie zeigen dass das Angebot, was das Haus macht, angenommen wird und wir werden das Schritt für Schritt in den kommenden Jahren ausbauen. Natürlich zusammen mit Markus Trabusch und Enrico Calesso. Wir haben eine gute Ausgangsbasis für die weiteren Jahre und wir freuen uns sehr, dass wir das Theater jetzt weiter voranbringen.

Sanierung und Umbau werden eine Phase mit Provisorien und Übergangslösungen sein. Wie kann das Mainfranken Theater in dieser Zeit in Stadt und Region präsent bleiben und vielleicht auch noch ein kleines bisschen besser verankert werden?

Durch viele kluge und witzige Angebote. Einmal finde ich sehr wichtig, dass wir am Standort bleiben, dass wir uns nicht in alle Richtungen verlieren. Wir haben eine Spielstätte mit dem Kernangebot. Und von dieser Spielstätte aus können wir Konzerte und Opernangebote in die Stadt und vielleicht auch auf die Plätze der Stadt bringen. Ich bin überzeugt davon, dass Markus Trabusch auch ganz viele Sachen bereits im Kopf hat, sodass wir genau das auch schon als Chance nutzen können. Aber es bleibt der Umstand, dass wir um die Zahlen, die wir heute schon haben, werden kämpfen müssen. Einfach, weil wir so viele Sitzplätze wie bisher für eine Übergangszeit nicht zur Verfügung haben. Trotzdem glaube ich, dass Theater sich auch in dieser Art und Weise in der Stadt neu erfinden kann und die Wahrnehmung neu geschärft wird.

Kunst und Kultur spielen eine herausragende Rolle auch für die Zukunft der Stadt Würzburg. Neben einer großen Zahl treuer Unterstützer und Förderer des Hauses wollen Sie neue Zielgruppen erschließen aber auch den finanziellen Kraftakt der Sanierung und der dauerhaften Finanzierung des Hauses gewährleisten. Was ist ihr Plan?

Das wichtigste an der Theatersanierung — am Theater überhaupt — ist, dass wir die Menschen erreichen und ich bin davon überzeugt, dass wir eine Antwort auf viele Fragen haben. Zum Beispiel: In welchen Städten wollen wir in der Zukunft leben? Was macht Würzburg, was macht Deutschland lebenswert? Dieses Kulturangebot, das wir hier haben und welches wir auch für junge Menschen in den kommenden Jahren weiter öffnen werden, ist eine mögliche Antwort. Und dass wir dieses attraktiv im Zentrum einer Stadt anbieten werden, hat eben auch Stadtfunktion und bringt die Menschen zueinander bei unserem Angebot auf der Bühne. Und ich bin davon überzeugt, dass Theater über viele Jahre weiter Antworten geben wird auf alle Fragen die die Menschen bewegen. Da ist einmal das klassische Publikum, welches wir im Theater begrüßen. Es sind aber auch viele junge Menschen. Ähnlich wie in der Musik, kommen aber auch immer wieder Zeiten des Wechsels, z. B. von der elektronischen Musik hin in eher handgemachte Formate. So wird auch Theater immer in der Form aktuell bleiben und wird sich neu erfinden. Ich bin da sehr, sehr optimistisch dass wir das auch in Würzburg genauso erleben werden.

Herr Terwey, haben Sie vielen herzlichen Dank für das ausführliche Interview.

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Ausführliche Beschreibung der Planungsmodule für die Theatersanierung

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